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Wir wollen Blumen und Märchen bauen

„Wir wollen Blumen und Märchen bauen“ sprach der Architekt Herbert Stranz. Heraus kam das Märkische Viertel (MV): 17.000 Neubauwohnungen, davon 15.000 im Besitz der städtischen GESOBAU. Aber fehlende Spielplätze und Kitas etc. und ständige Mieterhöhungen führten zu zahlreichen Protesten.

Das Märkische Viertel wurde in nur 10 Jahren, von 1964 bis 1974, für 50.000 Menschen erbaut und bezogen. Das MV liegt im nördlichsten Bezirk West-Berlins mit schlechter Verkehrsanbindung. Kinderreiche Familien, Arbeiter_innen mit niedrigem Einkommen, „Umsetzmieter_innen“ aus „Sanierungs-“ sprich Abrissgebieten waren die ersten Mieter_innen. Gegenüber feuchten Altbauwohnungen mit Ofenheizung und Außentoilette war es eine eindeutige Verbesserung der Wohnqualität. Allerdings erkauft mit der doppelten bis dreifachen Miete, langer Wege zu Arbeit und zum Einkaufen und dem Verlust der Nachbarschaft.

Die Organisierung der Bewohner_innen im MV begann mit pädagogischen Projekten wie Eltern-Kind-Gruppen, Spielplatzinitiativen, Jugendarbeit etc. Studierende der „Außerparlamentarischen Opposition (APO)“ brachten das MV mit einer Gegenausstellung zu den „Berliner Bauwochen“ 1968 in die öffentliche Diskussion. Der ersten Protestversammlung folgten 1969 Projekte der Pädagogischen Hochschule. Studierende und Bewohner_innen arbeiten u.a. an einer Stadtteil-Zeitung, einem Abenteuerspielplatz und einem Jugendzentrum.

Zu Spitzenzeiten waren ca. 2 dutzend Initiativen und Gruppen im MV aktiv, z.B. die Filmergruppe, die MVZ – Märkische Viertel Zeitung, die Arbeitsgruppe Mieten und Wohnen, der Mieterschutzbund e.V., die Mieterinitiative MV, eine Abspaltung des Mieterschutzbundes. Zeitweise waren sie im sogenannten Delegiertenrat vernetzt, sporadisch gab es eine Zusammenarbeit mit Gruppen aus anderen Stadtteilen. Die „Stadtteilzelle“ bestand aus den Radikaleren einiger Gruppen und Student_innen der APO. Ihr gehörte auch Ulrike Meinhof an, Mitverfasserin des „Vorläufigen Strategiepapiers MV“.

Mitte der 1970er Jahre verebbten die Proteste. Die „Filzokratie“ aus Wohnungsbaugesellschaft, Senat, SPD, Bauindustrie und Bezirksamt arbeitete Hand in Hand mit Polizei und Presse gegen den Protest. Die GeSoBau machte keine Zugeständnisse wurde aber „liberaler“ und hatte vor allem dazugelernt. Es wurde weniger an „Problemfamilien“ – viele Kinder, wenig Geld – vermietet. Dafür mehr an mittelständische Einpersonenhaushalte. Mieterhöhungen wurden zeitlich versetzt ausgesprochen. Das erschwerte die Organisierung.

Grundsätzlich ist das Thema „Mieten“ von Individualisierung geprägt. Aufgrund fehlender Wohnungen herrscht Konkurrenz auf dem Wohnungsmarkt. Beim Mietvertrag sind Vermieter_innen in der stärkeren Position und eine Lösung von Konflikten ist nur durch individuelle, juristische Mittel vorgesehen.

Trotz dieser Schwierigkeiten gab es jahrelang Organisierung und Protest vieler Gruppen und unterschiedlicher Menschen. Besonders das Aufeinandertreffen der Bewohner_innen und Student_innen „…löste eine ganze Reihe von Konflikten im Viertel aus, die wichtige Lernprozesse bei etlichen Bewohnern und Studenten hervorriefen über die Möglichkeiten und Schwierigkeiten solidarischen Handelns und bei der Entwicklung von Perspektiven in der politischen Arbeit…“*

Einer Art Blumen und Märchen widerständiger und solidarischer Beziehungen.

*Mieteraktivitäten im Märkischen Viertel 1969-1973 – Geschichte und Probleme, S.15, Diplomarbeit, Johannes Rau, 1976