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Von den stillen Wohnungsbesetzungen zur ersten WBA

Wohnungsbesetzungen gab es in Ostberlin bereits vor dem Fall der Mauer. Viele Häuser in der DDR standen leer, freie Wohnungen wurden über die Kommunale Wohnungsverwaltung vermittelt. Einige wollten darauf nicht warten und nahmen sich den Leerstand. Staatliche Stellen registrierten für das Jahr 1979 in Ostberlin 1.200 Wohnungsbesetzungen. 1987 waren es allein im Bezirk Prenzlauer Berg schon 1.270 Besetzungen. Oftmals reichte ein Besuch bei der Wohnungsbaugesellschaft, um die Wohnung mit ein paar Tricks zu legalisieren, manche Wohnung blieb dagegen still besetzt. Einige fanden sich aber auch auf der Straße wieder, nicht selten war die Folge eine saftige Geldstrafe. Offene Hausbesetzungen waren selten, wurden jedoch immer wieder versucht. So besetzten Punks ein Haus in der Ostberliner Gleim-und Wörther Straße im Stadtbezirk Prenzlauer Berg; auch in der Pfarrstraße in Berlin-Lichtenberg wurde ein Haus von Punks besetzt. Diese wurden jedoch recht schnell von Polizei und Staatssicherheit beendet, die hinter diesen Besetzungen die Bildung neuer konspirativer „feindlich negativer“ Zentren vermutete.

Zwischen dem 9. November 1989 und der offiziellen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 entstand in Ostberlin ein wohnungspolitisch unsicherer rechtlicher Raum: Solange ehemalige Eigentümer_innen ihre Besitzansprüche nicht geltend machten oder nicht feststanden (viele von ihnen waren von den Nationalsozialisten enteignet und umgebracht worden), konnte auch kein Räumungsbegehren gestellt werden. Ein Teil der Häuser war weiterhin in kommunaler Verwaltung. Da die Behörden nicht wussten, wie sie mit den Besetzungen umgehen sollten, duldeten sie sie zunächst. Als erstes komplett besetztes Haus entstand so die Schönhauser Straße 20/21, die im August 1989 von Lehrlingen, jungen Arbeiter_innen und Studierenden besetzt wurde. Ebenfalls zu den ersten Häusern gehörte die Prenzlauer Allee 203/204. Seit dem Frühjahr 1989 wurden die Wohnungen des Hinterhauses eine nach der anderen einfach bezogen. Im Januar 1990 erklärten sich die Wohnungsbesetzer_innen als Gruppe und das Haus als besetzt.

Unter den ersten besetzten Häusern war auch ein Flügel des ehemaligen Kaufhauses in der Friedrichstraßen-Passage an der Oranienburger Straße in Berlin-Mitte, das „Tacheles“. Dort hatten sich vor allem Künstler_innen und Kulturschaffende einquartiert, um ein neues Kunst- und Kulturzentrum zu etablieren. Die Besetzung am 13. Februar 1990 und ein eingebrachter Dringlichkeitsantrag auf dem „Runden Tisch“ in der Bezirksverordnetenversammlung Mitte konnte den für den 10.4.1990 festgesetzten Sprengtermin gerade noch verhindern. Später wurde das Haus unter Denkmalschutz gestellt, aber nach einem langem Kampf 2015 endgültig geräumt. Ebenfalls im April und Mai wurden zwölf Häuser in der Mainzer Straße in Berlin-Friedrichshain auf Initiative der Kirche von Unten von etwa 200 Menschen angeeignet.

Auch die erste Kampagne „Wir bleiben alle!“ geht auf eine Initiative aus Ostberlin zurück. In den 1980er-Jahren gab es Planungen, Teile der Oderberger Straße in der Nähe des Mauerparks abzureißen und durch Neubauten in Plattenbauweise zu ersetzen. Der Widerstand der Anwohner_innen entstand zunächst auf Basis des örtlichen Wohnbezirksausschusses (WBA). Der WBA erreichte um 1985 die Nutzung mehrerer zusammenhängender Hofgrundstücke als Kieztreffpunkt Hirschhof. Hier wurden Kunstwerke ausgestellt, Theater gespielt, Filme vorgeführt und Feste gefeiert. Im August 1992 standen die Mieter_innen vor einer saftigen Mieterhöhung. Das Bündnis „Wir bleiben alle!“ von Autonomen bis hin zu einigen Sozialdemokrat_innen brachte teilweise bis zu 20.000 Menschen auf die Straßen, die Mieterhöhungen konnten sie nicht verhindern.