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Vom Mauersprung zum Mauerfall

Im Jahr 1988 entstand an der Grenze zwischen Ost- und Westberlin ein kurioses Dorf: Mehrere hundert aufmüpfige Westberliner_innen besetzten fünf Wochen lang das noch heute als Lenné-Dreieck bezeichnete Gebiet, das zwar auf Westberliner Seite lag, aber eigentlich zum Staatsgebiet der DDR gehörte. Auf dem ungenutzten Niemandsland hatte sich ein vielfältiges Biotop entwickelt, dort plante der Westberliner Senat nun eine graue Autobahn. Dies war Anlass für die Besetzung, an der sich Umweltschützer_innen, Punks, Autonome und weitere Linke aus Westberlin beteiligten. Während die DDR kein Interesse an den Besetzer_innen zeigte, durfte die Westberliner Polizei nicht auf das Gelände. Am 26. Mai wurden die ersten Hütten auf dem Kubat-Dreieck aufgebaut. Es entwickelte sich ein buntes Dorf mit Hütten, Straßenschildern, VoKü´s, Gemüseanbau und vielem mehr. Die Westberliner Polizei zäunte das Gebiet ein und traktierte die Bewohner_innen von außen mit Wasserwerfern. Am 20. Juni 1988 begann sie mit einem Großeinsatz, bei dem ca. 1000 Kartuschen Tränengas abgeschossen wurden. Die Besetzer_innen jedoch wehrten sich: Drei Tage lang rissen sie mit Hilfe von Molotowcocktails einen Teil der Umzäunung nieder. Nach der Gebietsübergabe am 1. Juli 1988 begann die Westberliner Polizei bereits am frühen Morgen mit der Räumung. Rund 200 Besetzer_innen kletterten über die Mauer nach Ostberlin, unterstützt von den Grenzbeamten der DDR. Nach einem Frühstück und kurzer Befragung wurden die Mauersprüngler_innen wieder zurück nach Westberlin gebracht.

Auf der Ostseite der Mauer war ein Teil der antiautoritären Linken derweil mit anderen Dingen beschäftigt: Auseinandersetzungen mit der Kirchenleitung hatten zu der Idee geführt, parallel zum offiziellen Kirchentag 1987 einen „Kirchentag von Unten“ zu veranstalten. Mehr als 6000 Besucher_innen kamen. Aufgrund des großen Interesses und um die Kirche zu stärkerem politischen Engagement zu drängen, gründeten die Initiator_innen im September 1987 die überregionale Basisgruppe „Kirche von Unten“ (KvU). Die verstand sich nicht nur als innerkirchliche Opposition, sondern nahm bei vielen gesellschaftspolitischen Konflikten kein Blatt vor den Mund. 1988 erhielt die KvU eigene Räume im Gemeindehaus der Elisabethgemeinde, auch die Zionskirche mit der hier angesiedelten Umwelt-Bibliothek wurde genutzt. Diese Räume wurden bald zu einer der wichtigen Zentralen der DDR-Oppositonsbewegung, gleichzeitig gab es Punk-Konzerte und politische Veranstaltungen. Unter anderem wurden hier die Ergebnisse der unabhängigen Stimmauszählung bei der Kommunalwahl der DDR 1989 zusammengetragen, ausgewertet und vervielfältigt. Nach dem Fall der Mauer nutzten viele Initiativen den entstandenen reichsfreien Raum und die leeren Häuser in Ostberlin für Besetzungen, etwa die Umweltbibliothek, die in der Lottumstraße besetzte. Dort entstand auch das benachbarte Wohnprojekt, das bis heute über das Bandito Rosso im mittlerweile gentrifizierten Berlin-Mitte und Prenzlauer Berg in unkommerziell genutzten Räumen politisches Leben möglich macht. Auch für die KvU ging die Geschichte weiter: Sie zog in die Kremmener Straße in Berlin-Mitte, musste aber 2014 nach einem längeren Kampf mit einem Spekulantenunternehmen aus Wien ausziehen. Seitdem hat sie ihre Räume in der Storkower Straße119. Punkkonzerte, Fleischfresseraysl für Bedürftige und politische Veranstaltungen gibt es bis heute.