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Vom Krawall zur Mieterbewegung: Ziehtage und Zwangsräumungen

Die katastrophale Lage der Berliner Mieterschaft in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde an den sogenannten ‚Ziehtagen‘ besonders auffällig: Am 1.April und am 1.Oktober, den Kündigungsterminen der meist halbjährlichen Mietverträge, waren Berlins Straßen von zahlreichen obdachlosen Familien mit ihrem gesamten Hab und Gut bevölkert. Hauswirte ihrerseits nutzten ihre starke Position in der wachsenden Stadt und legten es gezielt auf Vertragsbrüche an, um auch während der Laufzeit der Mietverträge kündigen und zu höherer Miete wieder vermieten zu können. Diese Strategie traf nicht nur die ärmsten Arbeiter_innen, sondern auch Kleinbürger_innen. Im Zuge dieser „Exmittierungen“ – heute würde man wohl von Zwangsräumungen sprechen – kam es im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert immer wieder zu „Krawallen“ – spontanen Solidaritätsbekundungen der Nachbarschaft. Einen Höhepunkt dieser Exmittierungen markierte das Jahr 1872, unter anderem mit den bekannten Blumenstraßenkrawallen. Anfang des Jahres häuften sich die Zeitungsberichte über zahlreiche kleinere Exmittierungskrawalle, im Juli schlug sich die angespannte Stimmung dann schließlich in der größeren Unruhe in der Friedrichshainer Blumenstraße und Umgebung Bahn. Der exmittierte Tischler, Herr Harstark, wurde nach eigenen Angaben seiner Wohnung nicht etwa verwiesen, weil er die Miete nicht bezahlt hätte, sondern weil der Vermieter die Wohnung zu einem höheren Preis weiter vermieten wollte. Im Zuge der Krawalle wurden die Fensterscheibe des Hauswirtes eingeschmissen, Barrikaden gebaut, Steine und Gegenstände auf die Polizei geworfen, die ab dem 26. Juli massiv eingriff. 4000-5000 Leute setzten sich gegen die berittene Polizei zur Wehr. Selbst das Militär war in Bereitschaft. Die Proteste weiteten sich aus: in der Weinstraße in Friedrichshain begehrten etwa 1000 Menschen gegen einen besonders unbeliebten Hauswirt auf, in der Kreuzberger Skalitzerstraße 12 kam es bei einer anderen Exmittierung zu Krawallen. Zahlreiche Beteiligte wurden verhaftet und einige der Aufrührer im folgenden Jahr verurteilt.

Auch in späterer Zeit rißen die Praxis der Exmittierung und damit auch der Widerstand gegen sie nicht ab. Thomas Lindenberg beschreibt in seinem Buch „Straßenpolitik“ die Situation für den Zeitraum von 1900-1914 so:
„Dieses Bild der akuten Gefährdung eines wenn auch dürftigen Lebensstandards boten die exmittierten Familien ihrer Nachbarschaft dar und lösten dadurch die […] Unterstützungs-Handlungen aus: Zum einen Geldsammlungen, Hilfe bei der Suche nach einer Wohnung in der näheren Umgebung, Gesten der moralischen wie körperlichen Stärkung. Zum anderen galt es den Urheber dieser Notlage öffentlich zu ächten.“(S.140)

Die spontane Solidarisierung, die moralische Empörung und die praktische Hilfestellung der Nachbarn sprechen für einen starken Zusammenhalt in den Nachbarschaften. Die solidarischen Akte zeigen an, dass andere Familien sich von der gleichen Situation bedroht sahen.

Die Beschreibung eines Exmittierungskrawalls aus dem Berliner Lokal-Anzeiger vom 03.12.1902 veranschaulicht diese Solidarisierungen:
„In dem Hause des Eigenthümers und Molkereibesitzers Franz Reichart in Neu-Weissensee, Sedanstraße 29, wohnte der Arbeiter Peche mit seiner Frau und sechs Kindern. Am 1.Juli sollte die Familie ziehen, die Wohnung war rechtzeitig gekündigt und die Kündigung auch angenommen worden, aber die Leute weigerten sich, die Wohnung zu räumen und machten auch noch am 2. Juli keine Anstalten dazu, als die neue Miethspartei einziehen wollte. Nun ging der Hauswirth gewaltsam vor. Als Frau Peche, die im Bette lag, erklärte, sie könne nicht ziehen, da sie nervös und ihr Ehemann auf Arbeit sei, holte er drei junge Leute herbei, mit deren Hilfe er die Wohnung auszuräumen begann. Die Frau sah sich nun genöthigt, aufzustehen. Die Straße wurde zur Zeit gerade gepflastert, und die jammernde Frau erzählte den Steinsetzern ihr Leid. Diese stießen Drohungen gegen den Hauswirth aus und im Handumdrehen hatte sich eine Menschenmenge angesammelt, die von Minute zu Minute wuchs, so daß mehr als tausend Menschen am Platze waren. Bald fiel ein Steinhagel auf das Haus. Die Wurfschützen recrutierten sich fast sämmtlich aus den Kreisen der Schuljugend. Im Hause blieb keine Glasscheibe ganz, auch im Innern wurden Möbelstücke durch Steinwürfe beschädigt. Schließlich erschien ein Gendarme auf dem Platze, der aber allein der Menge gegenüber nichts auszurichten vermochte. Inzwischen hatte eine Sammlung stattgefunden, die 9 Mark ergab, welche der Frau eingehändigt wurden. Ein Herr schaffte einen Berg belegter Stullen heran zur Sättigung der Kinder, während ein gegenüber wohnender Molkereibesitzer warme Milch spendete. Gegen neun Uhr kam der Ehemann von der Arbeit heim und drang sofort mit einigen Tumultuanten in die Wohnung des Reichardt und verlangte sofortige Wiederaufnahme in die Wohnung. Der Arbeiter Nowacinski, der in demselben Hause wohnte, verlangte vom Hauswirth die für den Juli bereits im voraus gezahlte Miethe von 18 Mark heraus, weil er sofort ausziehen wolle, denn bei einem solchen Manne, der arme Leute auf die Straße setzte, möge er keine Stunde mehr wohnen. Wohl oder übel mußte der Hauswirth die Miethe herauszahlen, wofür N. eine Anklage wegen Nöthigung erhielt. Auf Requisition des Hauswirths erschien nach 10 Uhr Abends die Feuerwehr, welche die Pechesche Familie fortschaffte, die dann an anderer Stelle ein Unterkommen fand. Am nächsten Morgen wiederholte sich das Bombardement auf das Haus, wobei sich eine Frau Czinczatowski besonders hervortat. Sie reichte den Jungen die Steine zu, die sie zum Werfen brauchten, und als sie auf dem Hofe der Frau Reichart und ihrer Tochter angesichtig wurde, mißhandelte sie diese und riß ihr die Kleider vom Leibe. Ein starkes Aufgebot von Gendarmen machte den wüsten Scenen am nächsten Tage ein Ende. Der Hauswirth Reichart, der übrigens wegen Verleitung zum Meineids gegenwärtig in Untersuchungshaft sitzt, hat für die Renovation seines Hauses 500 Mark bezahlen müssen.“

Diese gemeinschaftliche Erfahrung der ständigen Bedrohung ließ Strukturen in den Nachbarschaften wachsen, die auch die Mobilisierung zu den organisierteren Aktionen der Mieter_innenbewegung möglich machten. Das Bewusstsein gegen einen allgemein anerkannten Missstand und eben nicht alleine zu kämpfen, und damit die Entstehung des Mieters als politischer Akteur, nahm hier seinen Anfang.