Skip to content

Praxis, das verstehen die Leute

„…du kannst ja noch so viel predigen, die Theorie is immer grau – Praxis, das verstehen die Leute…“, so Irene Rakowitz*, eine der Protagonistinnen des Widerstands im Märkischen Viertel.

Und Praxis gab es viel. Eine anfangs mehr, später weniger regelmäßige Viertelzeitung, der Kampf gegen Zwangsräumungen, die „Handtuchaktion“, einen Autokorso, die Organisierung von Mieterräten und Mietstreiks und natürlich Demonstrationen, Kundgebungen und Versammlungen. Dokumentiert und wieder öffentlich gezeigt wurden viele Aktionen von den Filmern von Basisfilm.

Es werden „viel zu wenig Familien rausgeschmissen“, meinte die GeSoBau Ende 1969 angesichts mehrerer hundertausend Mark an Mietrückständen im MV. Bei vielen Familien beträgt die Miete trotz Wohngeld bereits 40% des Einkommens. Im Februar 1970 meldet der Arbeitskreis Mieten und Wohnen, daß 26 von 27 angekündigten Zwangsräumungen mit juristischen und sozialarbeiterischen Beistand verhindert werden konnten. Im September 1970 kann zum ersten und einzigen Mal eine Zwangsräumung mit solidarischen Nachbar_innen (und juristischen Mitteln) verhindert werden. Die betroffene Familie Puhle erhält später eine günstigere Wohnung in einem anderen Bezirk.

Im März 1971 wurde der Mieterschutzbund MV e.V. (MSB) von „10 Sozialdemokraten“ gegründet. Grund waren Heizkostennachzahlungen der GeSoBau, ein immer währendes Thema im MV. Der MSB macht Mieterberatung, unterstützt Mieter_innen bei Prozessen mit Prozessbegleitung, gibt die MV Informationen heraus und versucht mit der GeSoBau zu verhandeln. Mit Mieter_innenversammlungen und Aktionen versucht er dies zu unterstützen.

Erneute Mieterhöhung und hohe Heizungsnachzahlungen sind der Grund für eine Mieter_innenversammlung am 20.09.1972. Anwesenden Politiker_innen gelang es nicht die aufgebrachten, mehrere hundert zählenden, Bewohner_innen zu beschwichtigen. Die Versammlung forderte u.a. einen Mietpreisstopp. Als Zeichen des Protestes sollen Handtücher und Bettlaken aus den Fenstern gehängt werden. Weiter wurde zu einem Autokorso, einer Unterschriftensammlung und der Bildung von Mieterräten aufgerufen.

3000 Handtücher und Bettlaken wurden aufgehängt, 3000 Unterschriften gesammelt und 153 Autos fuhren aus dem MV zum Schöneberger Rathaus. Dort verweigerte sich der Bausenator und die Protesresolution wurde einem Senatsbeamten übergeben.

Senat und GeSoBau reagierten weder auf Verhandlungsangebote noch auf Aktionen. Die Organisierung durch Mieterräte und ein Mietstreik sollten den Druck erhöhen. Da der MSB zuerst Mieterräte bilden wollte, trat ein Teil des MSB aus und gründete die Mieterinitiative MV, um den Mietstreik zu organisieren. Hierfür fanden sich aber nicht genügend Mieter_innen. Die Bildung der Mieterräte gelang nicht, obwohl sich immer wieder Mieter_innen dafür interessierten. Aber der MSB war durch interne Parteiquerelen (SPD gegen SEW), schlechte Organisation und Austritte immer weniger handlungsfähig.

Eine der letzten größeren Aktionen des MSB waren ein angekündigter Sitzstreik am 23.03.1970 vor der GeSoBau, die von der Polizei mit einem Großaufgebot abgesperrt war. Der Sitzstreik kam nicht zustande, die 50 bis 200 Leute ließen sich aber auch nicht durch die Polizei einschüchtern.

Auch wenn die Aktionen im Märkischen Viertel danach rapide abnahmen, haben doch Aktionsformen bis heute überdauert. So gab es bei einer Protestaktion am 07.07.2015 in der Skalitzer Straße 142, ein Haus des Sozialen Wohnungsbaus mit Mieterhöhungen bis zu 400€, eine Handtuchaktion.

* „Jetzt reden wir“: Betroffene des Märkischen Viertels / Wohnste sozial, haste die Qual / Mühsamer Weg der Solidarisierung, Rowohlt Taschenbuch, 1975, S. 141