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Nicht erwischen lassen!

Brennende Barrikaden am Rande einer Zwangsräumung, Graffiti am Jobcenter Neukölln, Farbbeutel auf Carlofts: Proteste gegen Aufwertung und Verdrängung richten sich manchmal auch ganz konkret gegen Eigentum und setzen damit die Akteure von Gentrifizierungsprozessen unter Druck.

Die Wohnungskrise in Berlin spitzt sich zu. Ihrem Ärger über diese Zustände machen Betroffene von Mietsteigerungen auf verschiedene Weise Luft: Es finden Demonstrationen und Blockaden statt, Akteur*innen von Verdrängungsprozessen werden besucht und ihr Image medienwirksam geschädigt. Aber die Wut der Mieter*innen äußert sich auch in Widerstand, der sich direkt gegen das Eigentum der Profiteur*innen oder Symbole von Verdrängung richtet.

Ein beliebtes Angriffsziel ist Ziegert Immobilienconsulting GmbH. Im März 2013 besuchten Die Überflüssigen, die auch schon 2010 das Quartiersmanagement Neukölln aufgesucht hatten, den Firmensitz des „Entmietungsprofis Neuköllns“. Ziegert war von Taekker Immobilien damit beauftragt worden, im Graefekiez 100 Wohnungen in Eigentumswohnungen umzuwandeln. Die Gruppe hinterließ mit stinkenden Flüssigkeiten, Farbe und Parolen ein deutliches Zeichen der Kritik. Taekker  entzog daraufhin Ziegert den Auftrag. Des weiteren griffen Personen im Mai 2013 die Fassade eines Ziegert Neubaus an. Im April 2014 wurde die Baustelle eines Neubaus gegenüber dem Jobcenter Neukölln in der Nachbarschaft willkommen geheißen: Das Baustellenschild wurde entfernt, der Showroom roch nach dem Besuch nicht mehr so frisch. Der Ziegert Neubau an dieser Stelle gilt als Affront: Wer künftig aus dem Jobcenter tritt, wird auf Luxuslofts blicken, deren Mieter*innen das 10fache des Hartz 4-Regelsatzes bezahlen.

Zudem können militante Aktionen andere Formen des Protests unterstützen: Als im Februar 2013 eine Familie in der Lausitzer Straße 8 in Kreuzberg geräumt werden sollte, war die Nachbarschaft früh morgens auf den Beinen, um das zu verhindern. 850 Polizisten versuchten, die Räumung durchzusetzen. Die zeitgleich brennenden Barrikaden im Kiez waren einerseits eine gelungene Ablenkung der Ordnungskräfte, machten aber auch deutlich: Wenn ihr Menschen aus ihren Wohnungen räumt, nehmen wir das nicht hin.

Regelmäßig werden Luxusneubauten, Carlofts oder den Kiez aufwertende Cafés mit Farbe verschönert oder mit Kritik bedacht. Diese bunten Markierungen und Parolen sorgen dafür, dass die Vorantreiber*innen von Verdrängung in der Stadt nicht länger unsichtbar sind.

Die Berliner Liste** sorgte mit Veröffentlichungen von Kontaktdaten von Akteur*innen von Verdrängung für Furore. Seit April 2013 sammelt die Website diese Informationen und publiziert den radikalen Widerstand dagegen in einem Blog, „bis irgendwann niemand mehr auf dieser Liste stehen möchte“. Besonders zur Zeit der Veröffentlichung des Mietspiegels im Mai 2013 kam es vermehrt zu militanten Aktionen. In der Bevernstraße in Kreuzberg wurde das Fundament eines Neubaus geflutet, in der Rigaerstraße in Friedrichshain gab es einen Brandanschlag. Insgesamt wurden im Mai 2013 vier Neubauten, zwei Amtsgerichte und acht Jobcenter angegriffen. Die Polizei richtete zeitweise eine Ermittler*innengruppe speziell für die Angriffe im Rahmen der Berliner Liste ein.

Eine andere, sehr effektive Protestform ist das Zukleben von Wohnungsschlössern vor Wohnungsbesichtigungen. Im Prenzlauer Berg wurden im September 2013 mit dieser einfachen Technik an einem Tag gleich mehrere neu sanierte leerstehnde Altbauwohnungen „dichtgemacht“.

Es gibt natürlich auch Kritik an diesen Protestformen: Sie kann Menschen abschrecken, von sinnvollem Protest distanzieren, einschüchternd wirken. Die Angriffe richten sich allerdings nur gegen Eigentum und Gegenstände, nicht gegen Menschen. Auch von der Presse wird gerne ein Bild blind randalierender linker Chaoten gezeichnet. Diese müssen ihre Aktionen in der Nacht und anonym durchführen, da sie sonst strafrechtlich verfolgt werden können. Es ist wichtig, dass sich der Sinn der Aktionen direkt erschließt. Militanter Protest kann Spielräume eröffnen, die durch „legalen“ Protest nicht zu erreichen sind – wie teuer konkret Zwangsräumungen werden können oder wie der Preis von Neubauten in die Höhe schnellen kann, zeigen solche Aktionen den Profiteur*innen von Gentrifizierung konkret auf.

**berlinerliste.noblogs.org