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Migrantinnen die den urbanen Raum bewegen und transformieren

Im Vergleich zu anderen Ländern hatte West-Berlin den höchsten Anteil an ‚Gastarbeiterinnen‘. Das lag unter anderem an den Steuerungsversuchen durch Migrationspolitik sowie an der geschlechtsspezifischen und rassifizierten Arbeitsteilung. Weil die Gastarbeiter als eine ‚potentielle (inter-)nationale Sicherheitsbedrohung‘ für die Frontstadt des Kalten Krieges wahrgenommen wurden, wurden zunächst die Gastarbeiterinnen mit den ihnen zugeschriebenen untergeordneten Rollen und ihrer ‚fingerfertigen‘ und billigen Arbeitskraft bevorzugt.

Ihr Verhältnis zum urbanen Raum war anfangs vor allem durch den Weg zur Fabrik und zurück ins Wohnheim bestimmt. Die Schriftstellerin Emine Sevgi Özdamar erzählt mit magischen Worten von dieser ersten Begegnung. Nach dem Anwerbestopp ist die Zahl der Frauen, die durch Familienzusammenführung migriert sind, rapide gestiegen. Viele, denen der Zugang zum ersten Arbeitsmarkt durch Migrationspolitiken versperrt bzw. erschwert wurde, trafen sich in Parks und überall wo grüne Flächen zu finden waren, um ein soziales Leben zu gestalten. Sie haben zusammen gestrickt, gearbeitet, sich unterhalten. Dabei haben sie die Funktion dieses urbanen Raumes transformiert und sich eine autonome Sichtbarkeit geschaffen. Diese neue Aneignung des öffentlichen Raums hat auch Künstler beeinflusst, wie in Hanefi Yeters Bildern zu sehen ist. Es war außerdem eine Flucht ins Freie – raus aus den heruntergekommenen Häusern und Wohnungen und aus der ihnen als Migrantinnen zugeschriebenen Rolle, die sie auf die private Sphäre fixierte.

Neben diesen temporären Fluchtlinien gehörten Migrantinnen wiederum zu denjenigen, die sich mit dem Wohnungsproblem auseinandergesetzt und dagegen Widerstand und Mobilisierung initiiert und organisiert haben. Organisierte migrantische Frauengruppen unterstützten sie dabei. Die Zeitzeuginnen während unserer Recherche haben zwei Beispiele erwähnt. Das eine ist der erste unabhängige Migrantinnen-Verein in West-Berlin – der Türkische Frauenverein Berlin e.V. –, der 1975 am internationalen Frauentag von einer Selbsthilfegruppe gegründet wurde. Das andere ist der Treff- und Informationsort für Frauen aus der Türkei (TIO), der 1978 im Kontext der Stadtteilladenbewegung von einer Gruppe deutscher und türkischer Frauen aufgebaut wurde. Neben ihrer Funktion als Beratungsstellen für Probleme und Fragen des Alltags, zu Arbeit, Wohnen und Gewalt waren sie auch Orte für Auseinandersetzungen in Bezug auf Paternalismus und Rassismus innerhalb von linken und feministischen Gruppen.

Die urbanen Kämpfe stellen eine besondere Assemblage dar, die die Intensität der Selbstermächtigung, der Autonomie und Solidarität der Migrantinnen hervorbringen. Als eine damalige Besetzerin aus der Forster Straße 16-17 sich an ihren Besuch mit Blumen zum Glückwunsch für die kurdisch-türkischen Besetzerinnen in der Kottbusser Str. 8 erinnerte, sagte sie begeistert: „Das war voll mein Ding. Die Frauen können alles!“