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Mietervereine: Zwischen Rechtsberatung und Politisierung

Ende des 19. Jahrhunderts entstanden in vielen deutschen Städten Mietervereine. Bald erkannten sie die Notwendigkeit, sich auf Reichsebene zusammenzuschließen, um hier die Politik beeinflussen und den bereits existierenden nationalen Hausbesitzerverbänden entgegentreten zu können. Im Jahr 1900 schlossen sich 24 Vereine zum „Verband Deutscher Mietervereine“ zusammen, darunter auch Vereine aus dem späteren Gebiet Groß-Berlins. Wie umkämpft die politische Ausrichtung dieses Verbandes und der einzelnen Vereine war, zeigt die komplexe Spaltungs- und Wiedervereinigungsgeschichte verschiedener Zusammenschlüsse. Nach politischen Uneinigkeiten spaltete sich im Oktober 1919 zunächst ein Teil des Berliner kommunalen Verbandes vom Dresdener Reichsverband als „Allgemeiner Mieterbund“ ab. Diese progressivere Richtung war mit der strikten (partei-)politischen Enthaltung des Dresdener Verbandes nicht einverstanden. Der konservative Mieterverein des Berliner Westens verblieb allerdings im Dresdener Verband. In dem „Zentralorgan des Mieter-Verbandes Groß-Berlin“ wurde 1920 von einem Mieterstreik zum ersten Mal als einem geplantem Vorhaben (und nicht mehr nur einer zukünftigen Möglichkeit als Androhung) gesprochen – in dieser Haltung zeigen sich die unüberbrückbaren Differenzen zum Dresdener Verband.

Das Zitat aus der Waldenburger Mieter-Zeitung (nr.5, 1924) illustriert die politische Haltung der Berliner Verbandsrichtung:
„Wir sind keine Nur-Auskunfts- und Nur-Rechtsschutz-Organisation, auf die man sich besinnt, wenn einem eine Laus über die Leber läuft, die man aber im Übrigen nicht viel in den Kreis der Betrachtung zieht. Nur zu lange haben wir uns mit solchen oberflächlichen, für die Agitation ganz schönen Dingen abgegeben, viel zu viel Arbeit und Kraft ist vergeudet worden und wird heute noch angewendet im Kampf gegen kleine Geister, die man übersehen und über die man hinwegschreiten müßte, um sich und seine Mieter einen Blick tun zu lassen auf das ideelle Ziel unserer Bewegung: In Verbindung mit allen Gleichgesinnten und Mitstreitern im politischen und wirtschaftlichen Leben eine neue Wohnungspolitik aufzubauen aus dem Trümmerfeld privatkapitalistischer Spekulationsmanier!“

Die Berliner Richtung radikalisiert sich im Streit um die Rolle der Mieterräte, die sich in Anlehnung an die Soldatenräte nach dem Ersten Weltkrieg gebildet hatten, weiter. Zu den Streitpunkten der parteipolitischen Neutralität und der geeigneten Kampf- und Verhandlungsformen kam noch die zentrale Frage nach der Zusammenarbeit mit anderen Organisationen, vor allem den Gewerkschaften, die Dresden kategorisch ablehnte. Hier wollte man dagegen eigene Listen für die Reichs- und Landtagswahlen aufstellen. Der Berliner Verband lehnte das wiederum ab, weil sie eine Zersplitterung der Vertretung von Interessen der nicht besitzenden Bevölkerungsschichten fürchteten.

Nach dem Ersten Weltkrieg verstärkt sich der Austausch zwischen institutionalisierter Vereinsarbeit und basisaktivistischen Strategien wie Mietstreiks und Mieterräte. Auch Großdemonstrationen gehörten in dieser Zeit zum Aktionsrepertoire der Mieter_innenbewegung. Gegen diese wurde teils gewaltsam vorgegangen. Zahlreiche Protestaktionen und öffentliche Veranstaltungen gegen die Beschneidung des Mieterschutzes wurden von den Mietervereinen initiiert. In nur einer Woche im Winter 1922/23 veranstaltete der Mieterbund 80 Veranstaltungen in Reaktion auf die gesetzliche Zulassung von Mieterhöhungen am 7. Januar 1923. Im Dezember 1924 rief er eine nationale Protestwoche gegen den Abbau des Mieterschutzes aus, im Juli 1925 demonstrierten etwa 100.000 Menschen gegen den Mietwucher in Berlin.