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M@inz bleibt meins – die Mainzer Straße/Friedrichshain

Die Besetzungen in der Mainzer Straße in Friedrichshain begannen im April und Mai 1990 auf Initiative der „Kirche von Unten“, etwa 200 Menschen aus Ostberlin eigneten sich die ersten Häuser an. Doch es war noch viel mehr Platz in der Straße, die mit öffentlichen Geldern saniert werden sollte, um sie dann an ein privates Immobilienunternehmen, einer Nachfolgefirma des berüchtigten Immobilienhais „Neue Heimat, zu verschleudern. Nach einem Aufruf in der Westberliner Autonomenzeitung „Interim“ an „Frauen und Männer aus Ost und West (…), sich diese Häuser zu nehmen, bevor es zu spät ist“, waren innerhalb kürzester Zeit zwölf Häuser in der Straße besetzt.

Doch das Glück währte nur einen Sommer. Am 12.11. 1990 räumte die Polizei drei nach dem 24.7.90 besetzte Häuser in der Pfarrstraße und der Cotheniusstraße in Lichtenberg. Aus Solidarität wurden Barrikaden mit Baustellengittern auf der Frankfurter Alle errichtet. Die Polizei antwortete mit dem Beschuss von Tränengas und Wasserwerfern auf die Häuser in der Mainzer Straße. Die Besetzer_innen begannen Barrikaden zu bauen und der B-Rat erklärte auf einer Versammlung, diese im Falle einer politischen Lösung für alle Häuser, einer Nichträumungsgarantie sowie der Rückgabe der geräumten Häuser und dem Einstellen der Strafverfahren, wieder abzubauen. Die Polizei versuchte am Abend erneut in die Häuser zu gelangen. Es entwickelten sich heftige Auseinandersetzungen bis in die Nacht, bei der alle Vermittlungsversuche scheiterten. Den folgenden Tag nutzten die Bewohner_innen, um zu einer Verhandlungslösung zu kommen. Erneut wurde angeboten, die Barrikaden bei einer Nichträumungsgarantie abzubauen. Nachdem jedoch klar wurde, dass eine Räumung für den 14.11.1990 vorgesehen war, wurden die Barrikaden verstärkt.

An diesem Tag räumten 3000 Polizeibeamte, mit Unterstützung aus Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, ausgerüstet mit Hubschraubern, Polizeipanzern, vermummten SEK-Einheiten, Wasserwerfern und schwerem Räumgerät nach stundenlangen heftigen Auseinandersetzungen mit den Besetzer_innen und ihren Unterstützer_innen, die sich mit Steinen und Molotowcocktails verteidigten, die Häuser in der Mainzer Straße. Die Polizei setzte CS/CN-Gas, Blendschockgranaten, sowie scharfe Munition ein. Einer Person wurde in den Fuß geschossen. 417 Personen wurden festgenommen. Abends kam es zu einer Solidaritätsdemonstration mit 10.000 Menschen. Derweil feierte die Polizei in der Mainzer Straße eine „Siegesorgie“. Sie spielten Fußball, sangen, klauten den Sekt aus dem Haus Nr. 4 und das Bier aus dem Haus Nr. 7.

„Die Mainzer war ja letztlich nicht lange besetzt, aber dadurch, dass es so viele Häuser waren, war die Straße ganz schnell im Mittelpunkt von verschiedenen Gruppen, jeder kannte jemanden, der in der Mainzer wohnte. Und dann die Räumung über mehrere Tage hinweg und dem Panzereinsatz von der Berliner Polizei… brennende Straßenbahnen… Es war auch nicht klar, wie weit wird die Polizei und die Berliner Regierung gehen, zu welchen Mitteln werden sie noch greifen. Ich fand das schon sehr beeindruckend, ich weiß gar nicht wie ich die Worte dafür finden soll, es war auch einfach schon heftig, dass sie die Leute da raus geräumt haben, damit haben sie auch ein Herzstück aus der Bewegung gerissen“, beschreibt eine der damaligen Unterstützer_innen.

Am Morgen des 15. November begannen die Demolisierungsarbeiten in der Mainzer Straße: Mobiliar, Geschirr, Bücher, Stereoanlagen flogen aus den Fenstern, Möbel wurden mit Äxten zertrümmert und die Bevölkerung wurde zur „Plünderung“ aufgefordert. Politiker_innen und die Medien diskreditierten die Besetzer_innen, so behauptete der Regierende Bürgermeister Walter Momper (SPD) auf einer Pressekonferenz, dass die Besetzer_innen der Mainzer Straße zu keiner Zeit zu Verhandlungen bereit gewesen wären. Aufgrund der Räumungen beschloss die Alternative Liste (AL), die Regierungskoalition mit der SPD zu verlassen.