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Letzte Szene eines Straßentheaterstückes

„Am 1. Mai zog – gewissermaßen als letzte Szene eines Straßentheaterstückes – das Publikum zu einer Fabrikhalle nebenbei um sie symbolisch – und vorzeitig – als Jugendheim zu besetzen.“* Die Folge war eine gewaltsame polizeiliche Räumung, die Beschlagnahme der MVZ und weitere staatliche Repression.

Am 1. Mai war das Ultimatum zur Bereitstellung von Freizeiträumen für 5000 Jugendliche, das die im Märkischen Viertel arbeitenden Gruppen an die Stadträtin für Jugend und Sport gestellt hatten, abgelaufen. Statt der Zusage für die Räumlichkeiten kündigte die GeSoBau dem Schülerladen.

Am Abend des 1. Mai stellte das Hoffmanns Comic Theater auf dem Platz des Einkaufszentrums in einem Improvisationsstück die Misere des Märkischen Viertel dar. Im Anschluss an die letzte Szene, die die Schließung des Schülerladens darstellte, beschlossen die Zuschauer die symbolische Besetzung eines leerstehenden Hauses, um gegen den Mangel an Jugendheimen und Kindertagesstätten zu protestieren.

Da das Haus bereits von der Polizei umstellt war, besetzten die ca. 100-200 Männer, Frauen und Kinder ein Fabrikgebäude in der Königshorster Straße. Dies war als Freizeitraum schon zugesagt. In der Fabrikhalle begannen sie über weitere Schritte zu diskutieren.

Die eintreffende Polizei brach die Tür auf, umstellte die Sitzenden und prügelte sie ohne vorherige Aufforderung aus der Halle bis auf den Wilhelmsruher Damm. Es gab mehrere Verletzte und acht Festnahmen. Später warfen Unbekannte Tür- und Fensterscheiben im Rathaus Reinickendorf ein.

In der Juniausgabe der MVZ – Märkische Viertel Zeitung wird diese brutale Räumung öffentlich gemacht. Daraufhin brach die Polizei am 06.06.70 um 1.00 Uhr nachts die Redaktionsräume der MVZ auf und beschlagnahmte alle Exemplare mit der Begründung „Verleumdung, üble Nachrede und Beleidigung“. Die Beschlagnahme wurde drei Wochen später vom Gericht für illegal erklärt. Die Prozesse zogen sich aber bis März 1973 hin, wurden aber alle von der MVZ gewonnen.

Seit dem 1. Mai riss die Repression der politischen Polizei und des Verfassungsschutzes gegen die MVZ und „die Radikalen“ nicht ab. Es kam zur Beobachtung der Aktiven, Anlegen von Fotomappen und dem Versuch Spitzel anzuwerben. Die Bereitschaftspolizei stürmte mit gezogenem Knüppel die Sitzung einer Gruppe und erzwang eine Ausweiskontrolle.

Anfang Juni führte die Polizei Straßenkontrollen an allen Ausfahrtstraßen des MV durch, um die Aufführung der MV-Wochenschau der Basisfilmer über die Besetzung und Räumung zu verhindern. Letztendlich gelangte der Film über Feldwege auf den Marktplatz des MV und konnte öffentlich vor 500 Leuten gezeigt werden.

Gleichzeitig bot die Polizei an, mit Bulldozern bei der Anlegung von Kinderspielplätzen zu helfen. Ein Teil der Elterngruppen nahm das Spalterangebot an und distanzierte sich vom „radikalen“ Delegiertenrat.

Gegen Spaltung und Einschüchterung hilft nur Unverfrorenheit und Witz. Ein Redakteur der MVZ entwendete bei einer der üblichen Beschattungsaktionen einem Polizisten dessen Unterlagen aus dem Auto. Er übergab diese dem linken Berliner Extradienst, der die 600 Autonummern der Spitzelliste und weiteres veröffentlichte.

Nach der Besetzung gab es Verhandlungen mit dem Bezirk über die Nutzung der Halle. Diese zogen sich jahrelang hin, aber die Jugendlichen und Initiativen ließen sich nicht entmutigen. 1974 wurde die Halle als Kinder- und Jugendhalle MV unter dem Dach der NaturfreundeJugend Berlin e.V. eröffnet und besteht noch heute.

* MVZ – Märkische Viertel Zeitung, Juli 1970, S. 19