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Freiräume statt Investorenträume

Köpi, NewYorck, Rigaer Straße. Fast jeder in Berlin kennt diese Orte oder zumindest die Namen. Sie und viele mehr sind auch unter dem Label „Freiräume“ bekannt, blicken auf eine lange Geschichte zurück und haben in Zeiten zunehmender sozialer Spaltung Zuwachs bekommen.

Ob Anfang der 1970er die Hallen-Besetzung für ein Jugendzentrum im Märkischen Viertel oder das Georg-von-Rauchhaus. Ob Besetzungen der 1980er in West-Berlin oder der 1990er in Ost-Berlin. Ob Haus, Wagenplatz oder Nachbarschaftsgarten, sie alle ignorieren das Eigentumsrecht. Sie fordern gemeinschaftliche Nutzung anstelle von Privatbesitz. Und fordern damit natürlich den Staat und sein Institutionen heraus. Eine längerfristige Absicherung lässt sich deshalb meist nur über Verträge erreichen.

Wenn die Absicherung erreicht ist, ist damit zwar die brisanteste gesellschaftliche Frage, die des Eigentums, vom Tisch. Aber, es bleibt Raum, für die unterschiedlichsten Formen des Zusammenlebens außerhalb der Mainstreamgesellschaft. Von zusammen gärtnern bis subkulturell punkig. Fast alle sind gegen Rassimus, Homophobie, Sexismus und Kapitalismus. Aber auch hier gilt das richtige Leben im Falschen gibt es nicht. Gesellschaftliche Verhältnisse lassen sich nicht einfach ausblenden, bestenfalls erträglicher gestalten.

Durch Szene-Codes abgeschottet und nur auf sich bezogen – eine Kritik an Freiräumen. Einige öffnen sich durch Kultur- oder Bildungsangebote. Nachbarschaftsgärten sind wohl die offenste Form überhaupt – in der Erde buddeln scheint über alle Grenzen hinweg zu funktionieren. Im Zuge der Gentrification-Debatte gibt es eine weitere Kritik an Freiräumen. Diese würden als Pioniere der Gentrifizierung wirken. Dies ist, genauso wie die der Pionierfunktion von Studenten und Künstlern, eine Nebelkerze. Solange Wohnen eine Ware ist und Kapital auf der Suche nach Verwertung, ist es egal wer die Pioniere sind, viel interessanter ist, wer die Profiteure sind.

Freiräume sind eine wichtige Ressource im Kampf gegen Verdrängung. Sie bieten unkommerzielle Räume für Treffen und Organisierung, haben Widerstandserfahrung und bringen militante Formen der Auseinandersetzung ein, wie z.B. die Actiondays und die Aktionen zur Räumung der Liebig14. Und sie zeigen Alternativen zu Wohnungsmarkt und Miete auf. Darüber hinaus sind die Bewohner_innen oft in vielen Bereichen politisch aktiv, z.B gegen Nazis und Rassist_innen. Oder sie sind Notanlaufpunkte für Geflüchtete oder Roma.

In einer Fabrikruine am Spreeufer, der Eisfabrik, haben mehrere Jahre bulgarische Wanderarbeiter in kleinen Hütten gelebt. Sie wurden dort von der Polizei geräumt, die Eisfabrik wurde zugemauert und steht seitdem leer. Nach einem wochenlangen, letztlich erfolglosem, politischen Kampf leben die Ex-Eisfabrik-Bewohner_innen jetzt auf der Straße. Einige waren auch eine Zeit lang auf der Cuvrybrache untergekommen. Wie die Eisfabrik ein Filetgrundstück am Spreeufer, das hohe Profite verspricht. Dort lebten sie in Zelten und Hütten ohne sanitäre Einrichtungen mit Aussteigern, Obdachlosen und Geflüchteten. Nach einem Brand wurden alle Bewohner_innen vertrieben, die Brache plattgewalzt, eingezäunt und wartet nun auf die Bebauung mit Luxuslofts.

Waren die Eisfabrik und die Cuvrybrache noch Freiräume? Oder ist es nicht zynisch von Freiräumen zu sprechen wenn die gesellschaftlichen Verhältnisse den Armen gar keine Wahlmöglichkeit mehr lassen? Egal wie die Antwort ausfällt, sicher ist, die Macht- und Eigentumsstrukturen, die diese Verhältnisse hervorbringen und zunehmend verschärfen, müssen geändert werden. Dazu können Freiräume ein Ausgangspunkt sein.