Skip to content

Die Entstehung der Berliner Mieter_innenbewegung

Durch die im 19. Jahrhundert an Fahrt aufnehmende Industrielle Revolution bildeten sich rund um das Berliner Zentrum von Moabit über Stralau, dem heutigen Kreuzberg bis nach Tempelhof Arbeitersiedlungen. Durch die Umwandlung von Acker- zu Bauland blühte die Grundstücksspekulation durch Bodenverwertungsgesellschaften. Die ebenfalls neu entstehenden Baugesellschaften erwirtschaften horrende Profite mit dem Bau von Mietskasernen, die auf möglichst geringer Fläche möglichst viele Menschen unterbrachten. Die typische Bauweise dieser Viertel lässt sich auf den Mangel an staatlicher Regulation zurückführen: Die preußische Bauordnung von 1853 sah keine Vorschriften für den Zugang zu Licht, Luft oder Hygiene vor. Innenhöfe mussten lediglich groß genug für das Wenden einer Feuerspritze sein. Die Baugesellschaften sollten sich an den Erschließungskosten der nach James Hobrechts Plan von 1862 gezogenen Straßen über die Besteuerung nach Länge der Straßenfront ihrer Gebäude beteiligen. Dies hatte zur Folge, dass viele schmale Vorderhäuser mit auswuchernden Hinter-, Seiten- und Querflügeln entstanden.

Durch Berlins Hauptstadtwerdung 1871 strömten nicht nur zusätzlich zahlreiche neue Bewohner_innen in die Stadt, sondern auch vermehrt Kapital, das in den entstandenen lukrativen Immobilienmarkt investieren wollte und so den Verwertungsdruck auf die Ware Wohnraum weiter steigerte. Das Ende des 19. Jahrhunderts war eine Hochzeit der Finanzialisierung, das heißt der Anlage von globalem Kapital in Vermögenswerte wie Immobilien – eine Situation durchaus vergleichbar mit der heutigen. All dies führte zu katastrophalen Wohnverhältnissen: Fensterlose Kellerwohnungen mit zwei Räumen für zehn Personen waren keine Seltenheit. Heinrich Zille veranlassten diese Zustände zu dem Ausspruch, man könne einen Menschen mit einer Wohnung ebenso erschlagen wie mit einer Axt.

Dagegen regte sich bald Widerstand: Krawalle nach Zwangsräumungen und erste Mietervereine sind nur einige der vielen Aktivitäten der sich bildenden Mieter_innenbewegung. Sie blieben nicht ohne Wirkung: Grundlegende Mieterrechte wurden 1900 in das erste Bürgerliche Gesetzbuch aufgenommen und bilden bis heute die Basis für viele rechtliche Forderungen. Diese neuen Gesetze wurden gerade in Zeiten von Wohnungsknappheit aber kaum angewandt und konnten deshalb den eigenständigen Kampf der Mieter nicht ersticken. Die starke Stellung der Vermieter war auch im politischen System der Zeit verankert: Seit der Preußischen Städteordnung von 1808 galt das Dreiklassenwahlrecht, das nur Hausbesitzern das passive Wahlrecht in den ersten beiden Klassen gab – eine Garantie der politischen Mehrheit für die Vermieter.

Abgeschafft wurde dieses diskriminierende Wahlsystem nach der Revolution von 1918: Durch Massenproteste wurden Kaiser Wilhelm II. und die übrigen Monarchen im Herbst zur Abdankung gezwungen, der mörderische Erste Weltkrieg endete mit der Kapitulation Deutschlands. Nach zum Teil blutigen Kämpfen zwischen Sozialdemokraten, rechten Freikorps und Kommunisten, wurde die liberaldemokratische Verfassung der Weimarer Republik eingeführt. Darin spiegelte sich die gestärkte Position der Mieter_innen in Artikel 155, der als Reaktion auf die schlechten Wohnverhältnisse „jedem Deutschen eine gesunde Wohnung“ versprach. Der Berliner Wohnungsmarkt wurde nun für eine Zeit ‚zwangsbewirtschaftet‘: Die staatlichen Wohnungsämter verteilten Unterkünfte nach der Bedürftigkeit der Suchenden, private Hausbesitzer mussten sowohl die zugewiesenen Mieter, als auch eine festgelegte Höchstmiete akzeptieren. Das erste Reichsmietengesetz von 1922 lockerte zwar die Einschränkungen der Mieterwahl, zementierte jedoch die Regulierung der Miethöhe. Durch die Einführung der Hauszinssteuer auf den Besitz von Wohnimmobilien wurde der Bau von zahlreichen Wohnungen für die mittleren und unteren Einkommensschichten ermöglicht. Dem Wohnraum wurde etwas von seinem Warencharakter genommen, die Wohnraumversorgung als staatliche Aufgabe anerkannt. Die Integration der Wohnungsfrage in den neu aufgebauten Wohlfahrtsstaat ist der Erfolg der Mieter_innenmobilisierung seit dem 19. Jahrhundert. Erst sie haben das Thema auf die politische Agenda gesetzt und die staatlichen Institutionen unter Druck gesetzt. Durch welche Aktions- und Organisationsformen dies gelang, wird in diesem Raum dargestellt.