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Der kurze Sommer der Anarchie – Ost-Berlin 1990

Bis zum Sommer 1990 wurden in Ostberlin hunderte Häuser besetzt. Hauptsächlich in den Stadtbezirken Prenzlauer Berg, Mitte, Friedrichshain und Lichtenberg. Bereits im April und Mai 1990 wurden zwölf Häuser in der Mainzer Straße in Berlin-Friedrichshain auf Initiative der „Kirche von Unten“ von etwa 200 Menschen angeeignet. Waren es anfänglich nur Ostberliner_innen, kamen nach einem Aufruf von Ostberliner Antifas, Anarchist_innen und Autonomen im Westberliner Autonomenblatt „Interim“ schnell auch viele Menschen aus Westberlin und der BRD. Der Stadtrat für Inneres in Ost-Berlin, Thomas Krüger, kommentierte: „Es kann nicht sein, daß Ost-Berlin zum Mekka für Pseudolinke und andere Desperados wird. (…) Ost-Berlin ist derzeit die am leichtesten besetzbare Stadt Europas.“

Das Mekka der Desperados brachte unzählige Kneipen, politische Gruppen und Künstlerkollektive hervor. Immer mehr wurden von Westberliner_innen besetzt. Die Brunnenstraße 6/7 wurde 1990 von Studierenden besetzt, die am Lateinamerika-Institut gemeinsam am Unistreik der Freien Universität Berlin teilgenommen hatten und in der Brunnenstraße die Idee des Zusammenleben und gemeinsamer Politik verwirklichen wollten. Andere wie das Projekt „KuLe“ (Kunst und Leben) in der Auguststraße 10, einem Haus, das im Sommer 1990 von Studierenden der Hochschule für Künste besetzt wurde, wollten gemeinsam künstlerisch arbeiten und leben. „Erst“ am 20. Juni 1992 wurde das Haus in der Kastanienallee 77 von der Gruppe „Vereinigte Varben Wawavox“ in einer Kunstaktion, „Kunst-Besetzen-1.Hilfe“, besetzt. Die Gruppe wollte Leerstand beseitigen und Wohn- und Arbeitsraum für künstlerische Tätigkeiten schaffen.

Viele wurden im Verlauf der kommenden Jahre geräumt, die letzten Häuser verloren ihre Existenz unter dem ehemaligen Bundeswehrgeneral und als Hardliner bekannten Innensenator Jörg Schönbohm (CDU) in der Zeit von 1996 bis 1998. Dazu zählen die Häuser Pallisadenstraße 49 in Berlin Friedrichshain, geräumt am 26.3.1996. Das Haus wurde sofort durch Bautrupps unbewohnbar gemacht, die Fenster zerstört und Hab und Gut der Bewohner aus den Fenstern geworfen. Danach ging es Schlag auf Schlag: Am 27. März wurde die Kleine Hamburger Straße 5 geräumt, es folgten am 11. April das Vorderhaus der Rigaer 80, am 17. April Alt-Stralau 46, am 9. Juli Kreutziger Straße 11, Samariter 33 und East-Side-Gallery, 8. August Marchstraße/Einsteinufer, im September die Linienstraße 158/159 und am 29.Oktober Kreutziger 12, 13 und 21. Einige Häuser konnten ihre Besetzungen durch Verhandlungen erhalten, dazu gehören die Linienstraße 206, die Lottumstraße 10a, Fehrbelliner 7, Brunnenstraße 6/7 und das Projekt in der Christinenstraße 15 am Teutoburger Platz.