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Der andere Ost-Westkonflikt

Als immer mehr Häuser von Westberliner_innen besetzt wurden, blieben Konflikte nicht aus. Da es nicht möglich ist, hierzu einen abschließenden Text zu verfassen, hier einige Zitate aus Interviews:

„Wir waren mehrere verschiedene politische Gruppierungen aus Westberlin und hatten auf einem Treffen ’89 für uns beschlossen, wir wollen zusammen leben und politisch arbeiten, Wohnraum für uns aneignen, was wir legitim fanden. Wir wollten halt nicht mehr so viel Miete zahlen, einfach politisch wirken. Wir haben uns dann zielgerichtet auf den Weg gemacht und in Ostberlin ein Haus gesucht, was in Westberlin sehr umstritten war. Es gab den Vorwurf von wegen Okkupation. Ihr könnt doch nicht einfach in den Osten gehen und es euch so einfach machen.“

„Ich glaube es war insgesamt so, dass die einen gesagt haben, „wir sind schon hier und wir versuchen hier was zu machen“ und wir sind hier ja sozusagen rein kollonialisiert, wir waren ja so unheimlich viel Wessis, die hier rübergekommen sind und letztlich haben wir ja auch Raum für uns beansprucht. Ich glaube, es war auch das Ding, dass die Leute hier gesagt haben, eigentlich wollen wir uns doch erstmal orientieren und wollen erstmal gucken, was wir jetzt machen und dann kommen die Wessis und sagen schon mal wie es geht. Das war der Knackpunkt.“

„Also, es gab schon die Trennung zwischen den Ost und den Westhäusern, das war schon irgendwie präsent. Wir waren ja alle aus dem Lateinamerika-Institut von daher auch alle aus dem Westen. Es gab aber Kontakte, jedoch mehr zu den Häuser Richtung Friedrichstraße als zu den Häusern Richtung Prenzlauer Berg. Im Prenzlauer Berg waren mehr Häuser von Leuten aus dem Osten besetzt. Das war immer recht getrennt, ich weiß nicht, ob in der Lottumstraße jemals ein Wessi gewohnt hat, ich glaube da waren nur Ossis, und in der Schönhauser auch. Es gab aber auch Projekte, die zusammen gemacht wurden wie die BesetzerInnenzeitung, die gleich 1990 entstanden ist. Das waren die unterschiedlichsten Leute und in der Zeitung spiegelten sich die Diskussionen auch wieder.“

„Natürlich gab es auch immer die Kritik – vielleicht zum Teil berechtigt – einer Westarroganz. „Da kommen jetzt die Westberliner Autonomen und erzählen jetzt Autonomen oder Anarchisten aus der DDR wo es lang geht, wo es langzugehen hat, was jetzt der richtige politische Weg ist.“ Diese Arroganz gab es tatsächlich und dementsprechend gab es auch die Kritik, die ich zum Teil auch berechtigt fand. Aber es gab auch eben viele gute und konstruktive Diskussionen und das Ganze hat sich mit der Zeit auch immer mehr vermischt. Sagen wir mal so, ich habe auch positive Erfahrungen gemacht. Es gab ja auch die Demos hier „nie wieder Deutschland“ und an diesen Punkten gab es viele Überschneidungspunkte mit der antiautoritären Linken in der DDR.

„Es gab auch Konflikte zum Beispiel beim Thema Sexismus, sexistischem Sprachgebrauch, Alkohol auf Demos, da gab es Diskussion, die waren zum Teil schwierig. Nicht weil es unterschiedliche Ansichten gab, sondern durch die Art und Weise, wie diskutiert wurde. Ich kann sagen „ich finde das doof“ oder ich kann sehr arrogant rüberkommen und sagen „habt ihr es noch nicht geblickt“.

„Auf der anderen Seite gab es auch die Kritik, dass es in einem Teil der Linken – auch der Autonomen – ein sehr verklärtes Bild gab, was ein sozialistischer Staat bedeutet und da war es sehr erfrischend, auch mal von den Oppositionellen darüber erzählt zu bekommen.“

„Ich glaube, dass zumindest für die Ostberliner der Mythos des Besetzens nicht so stark ausgeprägt war. Dass das ein relativ normaler Weg war, einen Mietvertrag zu bekommen. Bevor wir in die Neue Schönhauser gezogen sind im Sommer oder Herbst ’89, sind wir erst mal durch Prenzlauer Berg und Mitte gezogen und hatten Häuser gesucht. Dann waren so viele Häuser leer, dass man gleich noch ein paar Freunde einladen konnte. Der Mythos, dass wir irgendwie das Privateigentum außer Kraft setzen und revolutionäre Vorhut für irgendwas sind, dass spielte in dem Moment keine Rolle.“

„Speziell Gruppen, die aus Westberlin gekommen sind, haben es darauf angelegt, irgendwann geräumt zu werden. Das war für die total klar. Es wird nicht verhandelt, wir werden geräumt.“

„Bei uns war total auffällig, dass das nur Wessis waren. Wir hatten dann damals da den Quoten-Ossi wohnen.“

„Als wir in den Osten gezogen sind, haben wir alle gedacht, da gibt es jetzt bestimmt Integrationsprobleme. Aber das gab es eben nicht. Wir wurden sehr freundlich aufgenommen, speziell von der Lottumstraße, was dann auch unser Schwesternhaus war. „Empfangen“ kann man geradezu sagen. Da gab es Partys dann im Osthaus. Es gab ein Osthaus und wir waren das Westhaus. Bei uns waren nur Wessis, da waren nur Ossis. Aber wir kamen uns irgendwie willkommen vor.“

„Das war dann so ganz typisch: Die Westberliner WG´s im Vorderhaus und die Ostberliner im völlig rotten Hinterhaus.“

Danke an den Telegraf und die Brunnen 6/7 für die Möglichkeit, die Zitate zu verwenden. Die kompletten Interviews im telegraf finden sich auch unter: http://www.squatter.w3brigade.de/.