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Berliner Arbeiterviertel in der Großen Depression 1929–1933

In der Weltwirtschaftskrise waren die Berliner_innen mit Massenarbeitslosigkeit, gekürzten Sozialleistungen und ständig drohendem Wohnungsverlust konfrontiert. Besonders in den Arbeiterkiezen versuchten die Betroffenen, ihre Unterkünfte durch Solidarität und Selbsthilfe zu verteidigen.

In Folge des Börsenkrachs an der New Yorker Wall Street im Herbst 1929 wurde die Weltwirtschaft von einer Krise bis dahin ungekannten Ausmaßes erfasst. Millionen Menschen verloren ihre Arbeitsplätze und waren auf staatliche Unterstützung angewiesen. Die deutschen Regierungen reagierten mit Sparmaßnahmen: Bald hatten die meisten Erwerbslosen nur noch Anspruch auf das zeitgenössische Pendant zu Hartz IV, die sogenannte „Wohlfahrtsunterstützung“. Selbst diese als Existenzminimum konzipierte Hilfeleistung wurde gekürzt, die weiterhin staatlich regulierten Mietpreise dagegen nicht an die geringeren Einkommen angepasst. Nicht nur Wohlfahrtsunterstützte standen nun vor der existentiellen Entscheidung, ob sie Unterernährung oder den Verlust ihrer Wohnung in Kauf nehmen sollten.

Da Arbeiter_innen besonders stark von Kündigungen betroffen waren und kaum über Ersparnisse verfügten, trat dieses Dilemma geballt in deren angestammten Quartieren auf: die Mietskasernenviertel Wedding, Prenzlauer Berg, Friedrichshain und Neukölln, sowie Teile von Kreuzberg und Mitte. Dort musste sich mehr als ein Drittel der Bevölkerung die Miete buchstäblich vom Mund absparen – mit alarmierenden gesundheitlichen Folgen besonders für Kinder. Wer dazu nicht bereit war oder wegen Zahlungsrückstand die Wohnung verlor, dem boten sich auf dem regulären Wohnungsmarkt keine Alternativen. Denn aus den Neubauten am Stadtrand drängten ebenfalls von der Krise erfasste Angehörige der Mittelschicht zurück in die Innenstadt; in den teuren Prestigebauten des öffentlichen Wohnungsbaus der Weimarer Republik wuchs der Leerstand. Sie blieben den Bedürftigen verwehrt. Fast 124.000 Berliner_innen mussten eine elende Version des Wohnens im Grünen kennenlernen: In den Bretterbuden der Laubenkolonien vegetierten sie – ohne Strom-, Gas- und Wasseranschluss – auch im Winter unter slumartigen Bedingungen. In den Sommermonaten verdoppelte sich die Zahl der in der Peripherie Notwohnenden durch Zeltlager. Der 1932 erschienene Film Kuhle Wampe oder: Wem gehört die Welt? ist nach einem solchen Platz an der Dahme benannt und erzählt von einer Familie, die nach der Räumung aus ihrer Stadtwohnung dort unterkommt.

Die staatliche Zensur beanstandete an Kuhle Wampe eine Szene, in der zur Verhinderung von Zwangsräumungen aufgefordert wird. Der Film ermutigte damit zur auf der gegenüberliegenden Wand dieses Ausstellungsraumes beschriebenen Selbsthilfe, die im Berlin der Weltwirtschaftskrise Hochkonjunktur hatte. Die in der KPD-Zeitung Rote Fahne behauptete Zahl von über 1.000 erfolgreich verhinderten Exmissionen mag übertrieben sein. Das gilt jedoch nicht für die mehr als 100 von der Zeitung detailliert berichteten Fälle zwischen Herbst 1931 und Winter 1932/33, die als Untergrenze anzusehen sind. Voraussetzung für diese bemerkenswert vielen Erfolge war zunächst schlicht die Menge an Zwangsräumungen in den Kiezen – einer logischen Folge der Massenarbeitslosigkeit und des Missverhältnisses von Mietkosten und Sozialleistungen. Zudem hielten sich wegen der hohen Erwerbslosigkeit deutlich mehr Bewohner_innen auch tagsüber in den Wohngebieten auf, die sich an den Protesten beteiligen konnten. Gerade in Neukölln zogen vor dem Arbeitsamt in der Sonnenallee Wartende oft geschlossen los, um sich Gerichtsvollzieher und Polizei in den Weg zu stellen. Diese aus den Betrieben Ausgestoßenen resignierten nicht; sie kämpften nun zusammen um den Wohnraum im Kiez. Nach der Arbeit wollten sie nicht auch noch das Zuhause verlieren.