Skip to content

Antiautoritär, reformerisch, klassenkämpferisch sozialistisch

„Antiautoritär, systemintern reformerisch und klassenkämpferisch sozialistisch“, so beschreibt eine Senatsstudie von 1971 die „MVZ – Märkische Viertel Zeitung“. Im Juni 1969 erschien die erste Ausgabe. Von Studierenden der Pädagogischen Hochschule initiiert, beteiligten sich schnell Betroffene.

Die MVZ war eine lokale, politische Zeitung. Die Inhalte waren anfangs Wohn- und Mietfragen und praktische Informationen wie Preisvergleiche der wenigen Läden, wichtige Adressen und Kleinanzeigen. Beliebt war auch eine regelmäßige Glosse im Berliner Dialekt. Später wurden auch Probleme am Arbeitsplatz („…, daß die Bereiche Wohnung und Arbeitsplatz, weder gesellschaftlich, wirtschaftlich noch politisch zu trennen sind.“) und internationale Politik („Angela Davis – kommunistische Wissenschaftlerin und mutige Kämpferin…“) behandelt. Ab und an gab es Sonderausgaben zu wichtigen Themen.

Die MVZ wurde in öffentlichen Redaktionssitzungen nach jeder Ausgabe besprochen. Sie wurde kollektiv geplant, geschrieben, gedruckt und verkauft. Viele, der wechselnden Redakteur_innen waren auch in anderen Initiativen des Märkischen Viertels aktiv. Die Zeitung beschrieb den Widerstand im Viertel, vernetzte die einzelnen Gruppen und zeigte gesellschaftliche Perspektiven auf.

Die MVZ thematisierte Probleme im Märkischen Viertel, die nicht in den bürgerlichen Medien erschienen. Sie war, wie alle kritischen Initiativen des Viertels, der permanenten Hetze der marktbeherrschenden Springer-Presse ausgesetzt. Neben der Überwachung durch Verfassungsschutz und Polizei war der Höhepunkt der Repression die Beschlagnahme der Juni-Ausgabe 1970.

Die MVZ war so erfolgreich, daß es mehrere Versuche gab ebenfalls eine Stadtteilzeitung zu etablieren: der reaktionäre „MV-Express“, das CDU-nahe Blatt „Bürger im Dialog“, die „Märkblätter MV“ der Jusos, die SEW-Zeitschrift „MV-Objektiv“, die „MV-Informationen“ des Mieterschutzbundes, sowie die „Neue MVZ“. Die „Neue MVZ“ entstand aus einem Konflikt der Redaktionsgruppe um eine „klarere politische Linie“ und den Einfluß der Student_innen. Sie wurde untersützt von der KPD/ML, konnte sich aber nicht etablieren.

Konfliktreich war auch die Mitarbeit von SPD-Mitgliedern, die nach einem SPD-kritischen Artikel austraten. Weitere Konflikte gab es zwischen Studierenden und Betroffenen, und proletarischen versus bürgerlichen Redakteur_innen. Ebenso problematisch war die Herausbildung einer „Arbeiter_innen-Avantgarde“ und der geringe Anteil an betroffenen Frauen und Jugendlichen.

Neben diesen Problemen führten das Abflauen der Proteste im Märkischen Viertel, unregelmäßige Erscheinungsweise der Zeitung wegen Arbeitsüberlastung der weniger gewordenen Redakteur_innen und der verloren gegangene Kontakt zu den aktuellen Problemen im Viertel im Juni/Juli 1973 zur letzen Ausgabe. Dies konnte auch durch eine richtungsweisende Aktion, Druck- und Schreibmaschinen wurden auf der Straße aufgestellt damit Betroffene schreiben, nicht verhindert werden.